Ein Interview

Ein Interview

„Ausblick zum Hof“

Klänge von morgendlichem zwitschernden Vogelgesang ertönten durch das halb geöffnete Fenster. Töne die in diesem Ausmaß nur im Frühjahr und Sommer zu hören waren. Nicht selten konnte der einzelne Flügelschlag, von den Massen an Vogelscharen wahrgenommen werden und eine Surrealität vom rhythmischen beziehungsweise unrhythmischen Wegverlauf erahnten. Die frühen Sonnenstrahlen warfen einen kleinen hellen Schatten zur Wand des leicht herunterkommenden Putzes. Eine Wand die Persönlichkeit hatte. Die einzige! Jene, die eine Geschichte wiedergab. Erzählt von verschiedenen Epochen und unterschiedliche handelnden Taten. Taten die ihn in diesem Loch sperrten. Eine Festung mit dieser strengen sozialen Kontrolle. Die gesellschaftliche Gewalt einer Routine.
„Frühstück für Sie!“, ertönte es mit harter und gleichgültiger Stimme, vergleichbar mit einem zweckorientierten Hund, dem etwas zu Fressen hingestellt wurde. Heideberg setzte sich auf dem Boden, mit dem Rücken zur leicht zusammenfallenden Wand.
‚Lepra‘, ging durch seinen Kopf! Zerbröckelungen der Innen- und Außenfassade vom langen schleichenden, instabilen, zusammenbrechenden Organismus, dessen Wiederherstellung der Restaurierung ein häufen Geld kosten würde. Das Mahl bestand aus lauwarmen Kaffee und er war schwarz. ‚Ein ungewöhnlicher Luxus! Der neue muss vorher in einem Café geschuftet haben.‘, dachte sich Heideberg. Dazu gab es zwei Scheiben Brot und Wurst. Er fing mit den Jahren mittelalterlich zu denken an, sodass er altertümliche Wörter benutzte und Bücher halfen ihm dabei.
Während er die Brote zubereitete, blickte er aus dem angekippten Fenster, das mit Gitter versehen war. Ein Fenster das zum Schauen viel zu weit oben angebracht wurde. Um den Ausblick vom Himmel zu genießen, musste er sich auf einen Stuhl stellen. Gedanken von einem Vogel in Käfighaltung, der durch Akrobatikkunststücke seinen Erhalt des Lebenswillens ersuchte, gingen ihm durch den Sinn.
Eingeschränkt war der Blick zum blauen grenzenlosen Himmel. Je nach Witterung konnten einzelne Farbnuancen wahrgenommen werden, diese sich zu gewaltigen stürmischen Niederschlägen auftürmten und herunter prasselten.
Die Stahlträger zwischen dem Fenster hielten das Loch. Dieser Morgen war ruhig, die Sonne versuchte durch die Öffnung strahlen zu werfen. Das Fenster lockte, die Freiheit rief. Nach jahrelanger Akzeptanz in Gefangenschaft, wurden seine Flügel gestutzt und die Phantasie zu einem anderen Ort gestärkt. Der Begriff Zeit wurde in anderen Dimensionen wahrgenommen, auch andere essenzielle Merkmale, wurden zu einem Produkt der Gegensätzlichkeit. Frühere Nichtigkeiten wurden zur Wichtigkeit und damalige Wichtigkeit zu Nichtigkeit. Es blieb der Name, eine Nummer mit einer verbundenen Dokumentengeschichte. Der Name, der ihm von Geburt an gegeben wurde und später am Klingelschild hang und nun mit der Nummer 263 seine Identität aufzeigte. Eine Nummer, die auf seine Akte verwies, die er nicht richtig im System abspeichern konnte. Eine Löschung von früheren Vorgängen ihm zum Verhängnis wurden. Seine Unterlagen von Fremden, Nachbarn, Freunden und Datenquellen ihm zur Last wurde. Das Bürgerliche Gesetzbuch schreibt eine dreißigjährige Dokumentation von Informationen vor.
Kahl und kühl war die Mauer im eingepferchten Würfel, dessen Zahlen von Menschen, der in ihnen lebenden Räumen nur erahnt werden konnte. Russisches Roulette und das Sterben war häufig die Folge. Sterben im Sinne der Freiheitsberaubung. Sozial Kontrolle und dessen Eingrenzung der Entfaltung.
Geblieben sind seine Erinnerungen.
Erinnerungen an Liebschaften von Frauen, damalige Betörungen auf beide Seiten. Nicht selten lud er sie ein.
Gerne beobachtete er diese Geschöpfe durch das Fenster. Häufig kamen kopfkinoartige Rollenspiele in seinen Kopf und verschafften ihm somit eine Erektion.
Frauen und Leben lagen seiner offen und er hinterfragte es nur selten. Das Fenster galt ihm als Symbol der Beobachtung und lud zum Dasein ein.

Heute war nicht nur der Kaffee das I-Tüpfelchen des Tages, hinzu kam der Besuch einer ehrenamtlichen Studentin, die sich bereit erklärte, jede Woche zu kommen.
Abwechslung zur täglichen Routine. Es war ein Programm von einer Gastprofessorin. Die nachfolgenden Akademiker sollten somit einen anderen Blickwinkel bekommen, über Hintergründe der Insassen und deren, Alltagsabläufe. Vorurteile sollten somit abgebaut werden!
„Wie lange sind Sie schon im Gefängnis?“
„Siehst du die Zeichnungen an der Wand, sie stehen für ein Jahr.“
„Ok.“, sie schaute verdutzt, nicht wissend ob sie irritiert über die Anzahl der Bilder oder das Kunstwerk war. „Wieso sind es immer dieselben Zeichnungen?“
„Jedes Jahr nehme ich mir eine Verbesserung vor um die Zeichnung detaillierter und schöner darzustellen, doch irgendwie will es mir nicht gelingen.“
Sie schaute genauer zu den Bildern und schwieg. ‚Was geht nur in ihr Köpfchen vor?‘ fragte sich Heideberg, während er sie ansah.
„Hat diese Zeichnung eine besondere Bedeutung? Es ist surrealistisch.“, erwiderte die Studentin.
„Abstrakt trifft es wohl eher, nicht?“ Unbehagen war ihr im Gesicht geschrieben.
„Es soll ein Ausblick zum Hof darstellen.“
„Haben sie den einen Ausblick zum Hof?“
„Wenn sie damit das eins achtzig hohe angebrachte Fenster meinen, dann wohl eher nicht. Deshalb ist es abstrakt, surreal, was auch immer.“
„Was bedeutet dieser Ausblick zum Hof für Sie?“
„Es bedeutet in erster Linie einen Ausblick in mehreren Geschichten zu haben. Nicht nur eine. Sehen sie, wenn man aus dem Fenster schaut, schaut man nie ins Leere. Man sieht immer etwas. Sei es auch nur eine Mauer. Ein Ausblick zum Hof kann noch viel mehr bedeuten. Es ist die Kunst der Vorstellungskraft und der tatsächlichen Existenz. Der Beobachter kann sich, indem was er sieht, eine Vorstellungskraft bilden. Er kann sie auch wiedergeben. Dennoch spielen wichtige Faktoren wie die Emotionalität und eigene Erfahrungen eine wesentliche Rolle.“
Verblüfft über das eben gesagte: „Ja ich weiß was sie meinen.“, sagte die Studentin.
„Ja, sie sind ja nicht dumm! Ich selbst hab auch studiert und bin belesen, auch wenn das Genre in den letzten Jahren gewechselt hat.“
Er machte eine Pause, um zu sehen, ob sie darauf reagierte und bevor sie zum erfragen des studierten Studienganges kam, redete er weiter. Er wollte nicht über seine akademische Vergangenheit reden.
„Der Ausblick zum Hof symbolisiert das Leben in einen abgesteckten Grad. Gerade im Knast! Da geht die Phantasie viel mehr mit einen durch, als es die Realität entspricht.“
„Was sind das für Phantasien?“
„Das Leben im Knast ist einseitig. Natürlich beginnt man durch Phantasien sich an anderen Orten zu denken und eine andere Realität aufzubauen. Es ist ein wenig so, sich ein eigenes Fernsehprogramm zusammenzustellen. Das von Kindersendungen bis Pornos eine interessante Mischung aufzeigt. Manchmal möchte ich gerne ein ultimativer Superheld sein, der mit Mannesstärke eine heiße Frau befriedigt und zahlreiche Kamasutra Stellungen mit ihr durchnimmt, bis sie durch Ektase schreit. Man ist alleine hier, da ist es nicht zu verdenken.“
„Hatten Sie schon bevor ihre Gefängniszeit die Vorstellung von einem Ausblick zum Hof? Ich meine, es scheint für sie sehr wichtig zu sein.“
„Da hatte ich keine Vorstellungen, da hatte ich reelle Geschichten vor meinem Fenster. Nach der Arbeit stand ich oft da und sah einfach aus dem Fenster. Ich wohnte in einer Dachwohnung und hatte immer einen guten Ausblick. Wenn zum Bespiel in einer Wohnung eine kleine Party war, in dem viele Frauen waren, sah ich mir dies gerne an. Teilweise war eine Frau schöner als die andere, wozu braucht man da einen Fernseher, da hat man seine eigene kleine Liveshow direkt vor dem Fenster. Das muss für sie nach einem Spanner klingen, jedoch kann ich sagen, dass ich nicht ständig aus dem Fenster sah. Ich hatte ein Leben. Ich war frei und die Grenzenlosigkeit war mir sicher. Die Bilder prägten sich ins Gehirn, die Lust steigt in einen hoch und wenn ich die Augen schließe, sehe ich noch alles vor mir.“
„Haben Sie ein bestimmtes Bild vor ihren Augen oder sind es verschiedene Bilder?“
„Es sind verschiedene Bilder! Natürlich hat man Favoriten. Es handelt sich meistens um Bilder von Frauen. Frauen die wunderschön waren. Eine Frau die sich in ihren rot-schwarzen Negligé vor ihrem Spiegel betrachtete, teilweise war sie auch nackt. Sie hatte eine Traumfigur, jedoch war sie nicht zufrieden damit. Sie stand vor dem Spiegel und suchte nach nicht vorhandenen Fettpolster. An manchen Tagen wäre ich gerne zu ihr rübergegangen und hätte ihr leise ins Ohr geflüstert: „Du, du bist wunderschön, hast eine Traumfigur! Lass uns etwas gehen und dann miteinander schlafen.“ Ich glaube das hätte sie nicht gut gefunden. Doch wahrscheinlich wäre sie ein wenig geschmeichelt gewesen. Ein anderes Bild brannte sich, von einem Liebespärchen, ins Gehirn, beide sehr ästhetisch. Manchmal konnte man ihnen beim Sex zuschauen, beide versuchten verschiedene Kamasutra Stellungen aus, welche wirklich sehr bereichernd für das eigene Liebesleben waren. An manchen Tagen gab es heftige Streitigkeiten, in denen schon mal Gegenstände durch die Luft flogen. Ich wirklich dachte, dass sie sich gegenseitig umbringen und ich schon oftmals mit dem Telefan dastand und kurz davor war, die Polizei zu rufen. Aber jedes Mal versöhnten sie sich kurz vor dem Todschlag. Es schien als hätten sie eine Hassliebe.“
„Es scheint als hätten Sie viel gesehen und beobachtet. Was fanden Sie daran so faszinierend?“
„Viel war es nicht, auch wenn es danach klingt. Ich habe in dieser Wohnung 5 Jahre gelebt, da bekommt man schon einiges mit. Faszinierend oder interessant fand ich, dass jedes Fenster eine andere Geschichte oder Handlung erzählte. Man kann dies mit einem anderen Fernsehkanal oder es mit einer verschiedenen Zelle im Knast vergleichen. Jeder hat eine andere Erzählung, sei es in der Form, dem Ausdruck, der Vergangenheit. Es ist eine Individualität, die man beobachten kann und der Blick auf eine Welt, welche von einer Natürlichkeit oder die persönliche Fiktion hervorgeht, dass eine schlanke Frau sich zum Beispiel dick findet. All dies spiegelt die Welt wieder, welche nicht zuletzt durch die Medien inszeniert oder durch das miteinander zustande kommt. Es zeigt gefahren und Hoffnung, ähnlich einer philippinischen Mythologie. Kennen sie diese?“
Er wartete nicht auf ihre Antwort. „Das Aswang Phänomen ist eine Komplexität aus vielen verschiedenen Bereichen. Es beginnt nicht zuletzt mit der eigenen Psyche des Menschen, welche weiter zu Interaktionen mit einander führen, dies bedeutet es spielen geschichtliche Faktoren eine wesentliche Rolle, die durch kulturelle Einmischung und personelle Unterdrückung zurückzuführen sind. Trotz der vielen Rückschläge den ein Mensch macht oder erfahren hat, kann dies als Globalisierungsbegriff verstanden werden, da der Mensch nicht mehr alleine mit seiner eigenen Kultur ist, es kommt zu einem Austausch, einer Transparenz. Die auch Gefahren auslöst, zum Beispiel, das finden einer eigenen Balance erschwert wird. Je mehr Eindrücke, desto schwerer die Problemlösung. Das Sprichwort „viele versauen den Brei“ ist nicht umsonst im Volksmund. Dennoch zeichnet den Menschen auch der Glaube aus. Damit ist eine Hoffnung verbunden. Die Hoffnung nach Seelenfrieden. Die Hoffnung nach Freiheit. Die Hoffnung nach Schönheit. Die Hoffnung nach einem Ehemann und so weiter und so fort.“
„Das ist eine spannende Darlegung, vielen Dank!“, sagte die Studentin.
Es klopfte „Die Zeit ist vorbei!“, raunte es vom Wärter.

Der Tag neigte sich dem Ende zu, das Tageslicht war zehn Minuten zu spüren. Ein guter Tag! Dunkelheit machte sich breit. Er sah vereinzelnd die Sterne, für ein komplettes Sternenbild fehlte ihm die Weite des Ausblicks.
‚Morgen wird es wieder Zeit, sich der Zeichnung zu widmen. Zwei kleine Striche, welche das Detail noch mehr hervorstechen lässt.‘, dachte er sich. Heideberg hatte im früheren Leben sehr auf Struktur und Kleinigkeiten geachtet und noch immer spürte er einen Drang danach. ‚Den auch Kleinvieh macht Mist.‘ Als ehemaliger Topmanager wusste er wovon er sprach. Er war den Kapitalismus ausgeliefert und seine Gedanken kreisten noch immer um Ökonomie, dem Profit. Nur das er mit der Zeit begann, über die tatsächlichen Risiken nachzudenken. Nun schaute er mit einem verstärkten zweischneidigen Blick auf den Hof.
Die Nacht brach an, er stand auf dem Stuhl, um auf ein Säckchen mit Pillen zu warten, dass er vom Insassen Nummer 157, herunter geangelt bekam. Das Gefängnis war, seiner Meinung nach, nur ein kleines System vom großen Ganzen. Mit vielen Geschichten, Interaktionen und ja es war ein Leben, dass eine Realität wiederspiegelte.

Dies ist ein Schriftstück von mir, zu einem Thema „Fenster zum Hof“, basierend zu einem Film in den 80er Jahren und wurde einst zum Schreibwettbewerb eingesendet.

Text in English

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.